Max Ernst
Das Angebot des Grafos Verlags
Pour bibliothèque nationale 1975 |
Blätter aus der berühmten 'Maximiliana' von Max Ernst nehmen direkten Bezug zu dem hier angebotenen Blatt Pour bibliothèque nationale von 1975. In dieser Farblithographie finden sich unterschiedliche Frottagen, unter anderem der Abrieb von zwei Tellern, die sich planetarisch übereinanderschieben. Darin zeigt sich der Vogelmensch, der im Umfeld multipliziert zum abstrakten Zeichen - und zur Geheimschrift wird. Lesbar? Kaum. Fast möchte man mit Max Ernst sagen: 'Malt denn ein unerklärliches Wesen ein erklärbares Bild?' Auch in diesem Blatt spielt das Motiv des Vogels eine zentrale Rolle. Noch 1964 erscheint eine überaus wichtige und umfangreiche Arbeit mit 34 farbigen Radierungen, in denen der Künstler ein geheimes Schriftbild entwickelt, das sich wie eine persönliche Hieroglyphe unter seiner Hand formt. Der Vogel wird zur lettre automatique und folgt seinen eigenen Gesetzen, es sind die Gesetze einer sich wandelnden Schrift. Die graphische Folge 'Maximiliana ou l'exercise illégale de l'astronomie' rankt sich um den Astronomen Wilhelm Leberecht Tempel, 1821-1889; ein Sorbe, dieser hatte mit seinem kleinen Teleskop den Nebelfleck im Sternbild der Plejaden als erster erkannt. Poet, Lithograph, Wissenschafter, Opfer eines politischen Systems. Es ist zugleich die Hommage an einen Einzelgänger und Revolutionär. Frottagen und chiffrierte Zeichnungen bilden das Hauptgewicht. Sie lassen an Paul Klee denken, an die innere Notwendigkeit seiner zeichnerischen Logik.
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Inventar und Widerspruch 1974 |
Ein Horizont, Himmel und Erde vielleicht. Der Stern, die Sonne werden zu einem wichtigen Observationspunkt auch in den Gemälden dieser Zeit. Max Ernst malt 1973 Orbis pictus, es entsteht Éternité. Von hier aus lässt sich an dieses Blatt von 1974 anknüpfen. Ein gnomenhaftes Insektenwesen in Betrachtung eines kreisrunden beschweiften Phänomens, der Blick von Stern zu Stern scheint gegeben. Als wäre ein Detail unter die Lupe genommen worden, ein planetarischer Aspekt: die Ferne und die Nähe, Inventar und Widerspruch, eine Farblithographie von 1974, basierend auf Abriebtechnik, sehr fein nuanciert. Max Ernst hat diese Graphik aus einem Querformat entwickelt (vgl. Wvz Spies/Leppien 251) Das Blatt wurde zum Erscheinen von Werner Spies' Werkbiographie 'Max Ernst - Collagen. Inventar und Widerspruch' gedruckt. Im Titel wird somit die Collage: 'als die Paarung zweier dem Anschein nach unvereinbaren Dinge auf einer Ebene' umrissen. |
Ohne Titel 1975 |
Dripping, Grattage und Frottage bilden in der farblich einfach gehaltenen Graphik Ohne Titel von 1975 lebendige Strukturen, die einen Waldgedanken evozieren mögen. Das Souterrain des Waldes, Erbgut der Romantik? Max Ernsts Waldbilder werden öfter zu Caspar David Friedrich in Bezug gesetzt. Der weite Horizont und der Mensch am Waldrand: Das ist auch der Mensch vor dem Unbewussten laut Freud, und hier liesse sich eine Betrachtung ansetzen. Bekannt ist Max Ernst nicht zuletzt durch seine Waldbilder in Empreinte und Frottage-Verfahren geworden. Ein Undurchdringliches, das sich dem Menschen entgegenstellt oder ihn anruft, der Wald und das Vereinzelte: der Wald und die Sonne, der Wald und der Vogel, das Blatt, die Bäume, Die Waldbilder ziehen sich bis ins Spätwerk, so 1957 die Liebenden im Wald oder 1960 der letzte Wald, ein Aufbäumen der vegetativen Kräfte der Natur. 1962 sind selbst die Wolken in Streik, wie ein Titel besagt. Max Ernst schuf nicht nur Druckgraphiken, sondern auch unzählige Illustrationen, die nicht als Originalgraphiken, sondern als maschinelle Reproduktion erschienen sind. Hier kam als Ausgangspunkt sehr oft die Collage zum Zug, aber auch die Frottagen, die über Lichtdruck verfremdet worden sind. Dazu zählt die berühmte Histoire Naturelle von 1926. Ernst verstand es, Techniken unkonventionell und erfinderisch zu entwickeln. So erlangte er oft die überraschendsten Effekte, und das fast undurchdringliche Erscheinungsbild einer Textur schuf ihm jene lebendige Mauer, aus der er - wie Leonardo da Vinci es sah - seine Visionen las. |
Oiseaux 1975 |
Die ersten Plastiken schuf Max Ernst im Sommer 1934 bei seinem Aufenthalt in Maloja, als Gast von Alberto Giacometti. Das Bachbett mit den Steinen regte ihn dazu an. Die runden Formen verwandelten sich in Max Ernsts Händen. Er hat fortan (vergleichbar mit Joan Miró) auch Objekte, Assemblagen und Skulpturen geschaffen, in Gips, Stein, Bronze: den Oiseau-Tête von 1934-1953, die stelenhaften Hommes; Oedipus und Capricorne von 1948 oder die Wandplastiken im Haus in Saint-Martin, die Bronzen der 60er Jahre, selbst der Poet aus Bronze kommt in Vogelgestalt daher. Das alles hat eine direkte Bewandtnis zur Graphik Oiseaux von 1975. Das Eiförmige des Vogelleibes erinnert erheiternd an den Sommer 1934, als ihn Steine zum Eirund inspirierten. Das Morphologische von Ei und Vogel liegt auf der Hand wie das Verhältnis von Blatt und Baum. Im Kern geschieht eine seltsame Paarung, von den Vögeln beobachtet, die da vor dem Himmel sitzen, als wüssten sie um das Dilemma von Vereinigung und Flug. |
Le parquet se soulève |
Sechs Lithographien von Max Ernst mit Gedichten von Jean Tardieu 1939/1973. Mit der bibliophilen Ausgabe wird eine der ganz grossen Stärken von Max Ernst unter Beweis gestellt. Es ist in der Tat das Buch, die graphische Folge. Ernst gehört zu den massgeblichsten Künstlern auf diesem Gebiet. Auch hier bricht er mit der Konvention und zieht das Buchobjekt hinein in seine darstellerische imaginäre Welt. Die Brücken zum Gedanken, die er baut, sind schwankend, unberechenbar und dennoch besticht er durch Unmittelbarkeit. Seit seinen frühen Anfängen entstanden im engen Austausch mit Dichterfreunden neben den einzelnen Graphiken bibliophile, druckgraphische Editionen. 1939 erschien Paul Eluards Chanson complète, Buch mit vier beigelegten originalen Lithographien. Hier nun gibt es einen Zusammenhang zu dem im Angebot stehenden eindrücklichen bibliophilen Ensemble aus Text und Graphik: Le parquet se soulève, einer Folge von sechs Lithographien, begleitet von Gedichten von Jean Tardieu (Edition Brunidor und Apeïros , Vaduz, 1973). 1939 hatte Max Ernst die Zeichnungen auf Umdruckpapier entstehen lassen. Der Verleger Robert Altmann weiss mehr über die Entstehungsgeschichte dieses Buches zu sagen: Eigentlich hatte Max Ernst 1939 insgesamt zehn Lithographien auf Umdruckpapier vorbereitet, diese sollten zu erwähnten Gedichten von Paul Eluard erscheinen, doch Gallimard übernahm in seine Edition nur die ersten vier. Das war ausschlaggebend. Robert Altmann unterbreitete Jahre später Max Ernst den Vorschlag , die verbliebenen sechs Zeichnungen in seinem Verlag zu edieren. Max Ernst war sofort einverstanden und der bekannte Dichter Jean Tardieu schrieb zu jedem einzelnen Blatt ein Gedicht, das den bildnerischen Inhalten nachspürte. Es ist dies eine kostbare und zugleich spontane Edition geworden, gedruckt 1973 für Brunidor bei A. Hürlimann, Zürich, handsigniert vom Künstler und vom Dichter. Die Gedichte illustrieren somit die Bilder: Un repas de roi; cassandre sort des planches; veuve en manteau de violon; ogre changé en ronces; sire vautour dame pelican; cigale de l'espace, das sind die Titel; Die Doppelbödigkeit und das Absurde verraten sich schon im Leitmotiv: der Boden richtet sich auf. Wer beispielsweise das Entstehungsdatum der Zeichnungen zu Le parquet se souvlève betrachtet, sieht 1939 auch das gespannte, zwiespältige politische Umfeld auferstehen. Das Surreale schärft das Auge. Der Blick fällt auf die charakteristischen Motive. Die Vögel, nach der Deutung von Max Ernst, stehen stellvertretend für die Vorstellungswelt des Menschen, werden zu Symbolen menschlicher Möglichkeiten, Schwächen bis hin zur ahnungsvollen, grausamen Absurdität. ek |
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