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Oskar Kokoschka

Motto: Im wahrsten Sinn ein Klassiker der Moderne. Es ist als wäre ihm seine Vision von Beginn an klar gewesen, er hatte ihr nur zu folgen, der Rest war Verdichtung, Visualisierung und Ausführung.

Zum Werk von Oskar Kokoschka

Als der grosse Zeichner und Maler Oskar Kokoschka starb, befanden sich in seinem Haus in Villeneuve Malereien, Aquarelle, Zeichnungen und graphische Blätter besonders der zweiten Schaffenshälfte. Diese wurden 1987 durch die Gründung der Stiftung Oskar Kokoschka mit Sitz im Musée Jenisch Vevey zum geschlossenen Nachlass. Olda Kokoschka, die Gründerin, sah mit Genugtuung, dass dieses kostbare Werkkonvolut noch durch Schlüsselwerke der früheren Arbeitsphasen ergänzt werden konnte. Mit den Worten von Véronique Mauron (Katalog Villa dei Cedri Bellinzona) gelangen wir über ein Detail ins Herz dieses malerischen, imposanten Oeuvres: '...Eine weitere Beschäftigung des Sich-Versenkens ist das bewusste Hören,' schreibt sie, 'vor allem das Hören eines Musikstückes. Bei Kokoschka veranschaulicht eine bemerkenswerte Werkgruppe, eine Folge von fünf Lithographien mit dem Titel 'Das Konzert' in einer ungestümen Schrift, wie die Wirkung der Musik sich auf den Gesichtern niederschlägt. Dem Künstler zufolge lässt sich auf dem Gesicht, dem eigentlichen Spiegel der Seele, das Strömen der Gefühle erkennen.' Versunkenheit und Verträumtheit als Momente der Wahrnehmung, die weite Skala der Empfindungswelt von Oskar Kokoschka ist angesprochen. Damit sind wir im Zentrum seines weitgespannten, zu verschiedenen Höhepunkte gereiften bildnerischen Wirkens, das expressionistische wie impressionistische Züge zu vereinen versteht.

Obwohl Schüler Klimts hat Kokoschka rasch das Gefieder des Jugendstils abgestreift und bald der raumwendigen expressiven Malerei den Vorzug gegeben.

Aus dem Kreis der dekorativen Ansprüche im Sinne der Wiener Werkstätten herausgelockt hatte ihn der Architekt Adolf Loos. Bald schon malte er entscheidende Gemälde wie 'Stilleben mit Hammel und Hyazinthe'. Noch hat das schriftstellerische Schaffen Gewicht. Der Vertrag mit dem Galeristen Paul Cassirer, Berlin, wirkt kräftigend. Die Freundschaft zu Alma Mahler bleibt Episode. 1914 vollendet Kokoschka die 'Windsbraut'. Seine Rekonvaleszenz nach einer schweren Kriegsverletzung erlebt er 1917 in Dresden. Es entstehen die Lithographien 'Hiob', Porträt-Lithographien, Radierungen zu 'Orpheus und Eurydike'. Der Kontakt zu den Zürcher Dadaisten ist gegeben. Paul Westheims Kokoschka-Monographie erscheint. So liesse sich Lebensstadium um Lebenstadium auffalten, dies auch dank der biographischen Aufzeichnungen von Johann Winkler. 1923 verlässt Oskar Kokoschka Dresden. Eine Zeit der Wanderschaft folgt, mittels finanzieller Unterstützung durch den Berliner Kunsthändler Paul Cassirer. Die Städteporträts entstehen, lyrisch-dramatische Landschaften. Wie auf andere Künstler hatte der Süden (u.a. Toledo, Venedig, Tunis) einen nachhaltigen Eindruck ausgeübt, Kokoschka blieb jedoch vom Licht des Nordens nicht weniger angetan, was allein schon die grossgesehenen Städtebilder und Landschaften bezeugen: Prag, Dresden, London.

Während des Naziregimes wurden Werke von Kokoschka beschlagnahmt und fortan gehört er zur illustren Reihe der Entarteten. Mit dem 2. Weltkrieg konzentrierte sich der Künstler vermehrt auf Naturdarstellungen und entdeckte - vorerst aus finanziellen Erwägungen - die Farbstiftzeichnung und auch wieder das Aquarell. Während der Dresdner Zeit hatte das Aquarell für Oskar Kokoschka Bedeutung gewonnen. Eben diese Techniken begleiten den Künstler im Alter wieder. Kokokschka hatte schon in Wien gern porträtiert, und für die Schnellerfassung kam das Aquarell in seiner Transparenz dem Maler entgegen, eine Auseinandersetzung, die auf seine Gemälde abstrahlte. Zu erinnern ist an dieser Stelle noch an eine andere Eigenschaft: an das Illustrieren literarischer Texte. Seit den Anfängen verstand es Kokoschka, einen literarischen Impuls aufzufangen, um ihn zeichnerisch und, seit den 50er Jahren, in bedeutende druckgraphische Werkgruppen und Suiten umzusetzen.

Der Weg führte Kokoschka über die Zeichnung. Es ist als wäre ihm seine Vision von Beginn an klar gewesen, er hatte nur zu folgen, der Rest war Verdichtung, Visualisierung und Ausführung. Farbe und Form brachte er bald zur Gleichberechtigung, mit Feuer und Vehemenz wurde er zu einem der starken Expressionisten seiner Zeit. Leicht war ihm die Realisierung seiner Vision nicht gefallen, bestätigt noch Olda Kokoschka. Er wollte in das Neue seiner Sprache vorstossen und das Hergebrachte nicht ganz preisgeben. Er suchte die grosse Synthese zur Klassik. Das Frühwerk des Malers ist von einer geheimnisvollen Ungebändigtheit und zugleich ungeheuerlichen vehementen Erfassungskraft, das gilt auch für die Porträts und verzauberten mythischen Gemälde der Dresdner Zeit und die nachfolgenden Reisebilder. Die Flucht 1938 von Prag nach London wurde ihm zur Zäsur. Seine Kunst blieb dennoch Aufbegehren, Klarsicht und Reflexion. Die Porträtkunst begleitete ihn als ein wichtiges Feld für die Malerei und Zeichnung. Noch Ende der 60er bis in die 70er Jahre vibrieren die Selbstbilder oder die allegorischen Imaginationen durch ein ungebrochenes Verhältnis zur Farbe als einem entscheidenden Balanceakt zwischen bewusster Beobachtung, willentlicher Komposition und intuitiver Anlage. Das führte zu jener malerischen, hohen Improvisationskunst, die Kokoschkas Sprache unverkennbar macht.

Zum druckgraphischen Werk

Das Zeichnerische (auch ausgehend von der Buntstiftzeichnung) erfährt in der späten Malerei starke Betonung. Das trifft auch auf die Druckgraphik zu, die sich Kokoschka so richtig erst nach 1956 erschliesst. Den Vorzug hat der Künstler der Lithographie gegeben. Viele Zeichnungen vertraute er auf Reisen direkt dem Umdruckpapier an. In die letzten Jahrzehnte fallen neben lithographischen Einzelblättern bemerkenswerte druckgraphische Zyklen, vorwiegend in literarisch-epischem Zusammenhang. Damit rundet sich ein Gesamtwerk ab, das sich im frühen zeichnerischen und graphischen Auftakt gespiegelt sieht. Oft verwandelt sich unter dem Blick des Zeichners ein Alltägliches, ein aus dem Naturbereich Beobachtetes zur 'urweltlichen Symbolgestalt', und, nicht ohne Humor und Selbstironie, melden sich Vergänglichkeit und Erblühen als Thema. Deutlich wird am Lebenswerk von Oskar Kokoschka ein gewaltiges geballtes Sich Aufbäumen, der Sturm der Expression und ein verhaltenes Ausbranden, wie es bei anderen Expressionisten ebenfalls zu konstatieren ist, als hätte die grosszügige Geste ihre umgrenzte Zeit, als wäre das Verströmen und Einsammeln auch für Kokokschka zum insgeheimen schöpferischen Gesetz geworden. ek

Letztes Update: 31.03.08;
© Texte von Evi Kliemand, 1998-2004. © by Grafos Verlag AG, 1998-2004

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