Grafos Home Künstlerliste Graphikliste Roger Loewig Biographie Kommentare zur angebotenen Graphik


Vorheriger Künstler (Ramon Llovet) Nächster Künstler (Juan Miró)

Roger Loewig

Motto: Roger Loewig: Es ist seine Weise, sich mit dem Schmerz zu versöhnen. Ein Plädoyer gegen alles Vergessen.

Zum Werk von Roger Loewig

Roger Loewig - ein in Schlesien Geborener - trägt zeitlebens- noch heute - am Trauma der jüngsten Geschichte, er hat sich mit seinem Werk gegen das Vergessen gestellt. Er nennt sich ein 'entsetzter Augenzeuge hinterlassener Berichte und Dokumente' und greift zum Stift. Eindrücke, Erlebnisse, Erfahrungen gerinnen ihm zur Zeichnung. 'Das Gedächtnis ist eigentlich mein Modell.' Seine Utensilien sind Stifte, technisches Zeichengerät und Tusche. Lupenarbeit mit der Feder wird erbracht, um das Bildergut umzusetzen. 'Der Weg war steinig.'

Alles im Werk Loewigs ist zum zeichnerischen Denkmal der Eingegrabenen geworden. Es sind Wurzelteile uralter Baumstämme, die in den Verwandlungen des Alterns, sich dem Brechen, dem Gebrochenwerden entgegenstemmen. Die Opfer werden zum Signal des Barbarischen.

Der Mensch als Ausgestossener, als Flüchtling, als Eindringling und als Verschlungener, das abgeholzte Wesen 'und der Schutt begräbt die Wege/ er verklebt mir beide Augen/ dass sie anderes nicht sehen', schreibt Loewig in einem der Gedichte. Eine Sammlung Kindergedichte aus Theresienstadt der Jahre 1942-1944 begleiten Loewigs Lithographien des Jahres 1968. Loewig erlebte den Krieg als Kind. Die Identifikation mit jenen Kindern, die den Gang nach Auschwitz vor sich hatten, beschäftigten ihn unentwegt. 'Das Schlachtfeld der Millionen Getöteten, der in den Schlamm Gewälzten, der zu Asche verbrannten. Sie möchten das Entsetzen wachhalten vor dem Entsetzlichen, und sie möchten hinweisen auf die grosse Kraft des Menschen, das Entsetzliche zu bannen,' so die Worte Loewigs in seinem Text 'Uferlose'. Noch 1967 spiegelt sich aktuelles Schicksal kriegerischer Ausbeutung und Zerstörung in Loewigs Bildern, alles wird zum Plädoyer für Gewaltlosigkeit.

Die Greuel des Krieges hatten Roger Loewigs Kindheit vergiftet. Traumatisiert erlöst ihn dennoch nichts von seiner Vision, verstört von der kollektiven Mitschuld schon der Knabe, ein Vertriebener. Angerufen sich mitzuteilen, angerufen die Klagen mitzuhören. Aus einem Gefühl der moralischen Wiedergutmachung schenkte der Künstler 1986 ein Konvolut von 150 Zeichungen (meist Kreide und Feder und Radierungen und Lithographien) dem Nationalmuseum Warschau (Kat. Warschau Irena Jakimowicz), dem Museum, das ihm schon 1966 eine erste Einzelausstellung eingerichtet hatte und eng mit seiner schlesischen Herkunft verknüpft geblieben ist. 'Niemandsland wird zum Aufenthaltsort seiner Visionen.'

Im jüdischen Zyklus von 1965 wird der Betrachter an Barlachs, noch mehr an Zeichnungen der Käthe Kollwitz erinnert. Es ist dies eine elf Blätter zählende Suite zur Würdigung jüdischen Schicksals - zu Zeiten der Not und Verfolgung (vgl. Roger Loewig. Katalog der Zeichnungen und Lithographien. Berlinische Galerie 1988). Das 'Floss der Medusa' wird zum Massengrab. Man spürt in manchen Blättern den Lupenblick, den fast naturwissenschaftlich minuziösen Strich. Doch immer wieder dringt aus Pflanzlichem ein Augenpaar - und aus harmlosem Strandgut entpuppt sich ein Gestrandeter.

Loewig hatte nach 1945 bis 1951 in der Lausitz, im Spreequell-Gebiet sein Überleben gesucht. Auch dies ein Zwischenland: die sorbische Region an der östlichen deutschen Grenze.) Ein von der Wunde des Krieges wie von Uran- und Braunkohleabbau durchwühlte Landschneise, und zugleich ein wundersames Quelland, ein waldreiches Gebiet, ein Urwald. Sumpfbäume, die wie Äolsharfen zum Himmel ragen. Die gewachsenen Spreewälder, dem Aufstören der Geister kamen sie gelegen.

Die 'Metapher des Ikarus, der der Enge des menschlichen Loses zu entkommen sucht' wird offenkundig. Allen voran gingen die lavierten Tuschzeichnungen: 'Gehetzte', 'Auf der Flucht', 'und eine Welt, künftig unbewohnbar' (1962). Das Leiden wird auf die Vogelleiber übertragen: in den Wirbelsäulenwäldern weisen nur noch 'Zugvögel' eine Spur. Der Ort bleibt Durchgangsstation, Zwischenland und Wartehalle.

Das Erlebnis des einstigen Wald- und Landarbeiters ist mit in die strukturellen Aufbauten verarbeitet. Menschen wie ausgerissene Wurzelstücke, wie Rinden, verwundetes Wachstum, die Flechten, die Moose des Herzens. Plattgewalzte Ebenen, der Seele leere Baggereimer. Loewigs lyrische Texte begleiten seine Bildmotive. Viele zeichnerische und druckgraphische Suiten entstehen. 'Ich habe nie etwas in meinen Arbeiten lokalisiert. Ort und Anlass spielen keine Rolle - es ist leider nie vorbei.' Loewig will nicht verletzen, wie er sagt, es ist seine Weise, sich mit dem Schmerz zu versöhnen. Die Geste verliert an Heftigkeit, wird milder, auch in den Zeichnungen - und die Wunden und Verwundeten gerinnen zu Naturgebilden. Doch die Natur bleibt die Bedrohte, zerbrechlich, filigran und stumm. ek

Letztes Update: 31.03.08;
© Texte von Evi Kliemand, 1998-2004. © by Grafos Verlag AG, 1998-2004

Vorschläge, Kritik und Anmerkungen bitte an: !