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Bernard Schultze

Motto: Aus der Druckgraphik wird Malerei, aus den Bildern werden Labyrinthe der Natur. Bernard Schultze, einer der bedeutenden zeitgenössischen Maler.

Zum Werk des Malers Bernard Schultze

Die Geschichte reicht weit zurück. Die Neuen Romantiker wurden sie damals genannt. In der Frühphase, 1956 bis in die 60er Jahre, entwickelt Bernard Schultze eine allmähliche reliefartige Verformung über die Materie, das liess die Migofs entstehen. Das Filigrane, Geklöppelte ist den plastischen Verkörperungen und schlackenartigen Rudimenten eigen. Sie lösten sich aus ihrem Farbtraum heraus, erst zögernd, dann frech traten sie aus der Bildfläche und wurden zur Farbinstallation. Das machte Furore. Davon wurden die 60er und 70er Jahre bestimmt. Nach 1972 wird eine Rückkehr zur Tafelmalerei deutlich. Mit der Grisaille rückt das Zeichnerische mehr in den Mittelpunkt. Schattierungen, Grautöne, ein Perspektivisches gewinnt zeitweilig die Oberhand. Die Rückführung auf die Klassik ist ausmachbar. Mitte der 80er Jahre werden die Formate grösser, ja sie werden grosszügiger, messen mehrere m2. Dabei mag erstaunen, dass Schultze zusammen mit seiner Frau nur eine geräumige Stube als Atelier benutzt. Er arbeitet in der einen Ecke, sie in der anderen an ihren Werken. Das Kölner Atelier scheint eher auf kleine Formate zugeschnitten, das aber täuscht. Die ganze Dimension seiner grossen Bilderreihen offenbart sich ihm dennoch erst so richtig an der Ausstellung. Schultze malt in Zyklen.

Bernard Schultze gilt, wie Emil Schumacher oder K.R. H. Sonderborg, als ein Hauptvertreter des deutschen Informel. Heute ist Schultze über 80 Jahre alt. Wer sein Werk überblickt, erkennt, dass es monolithisch wirkt. Es sind, abgesehen von den Anfängen, keine richtungsändernden Brüche zu verzeichnen. Der Werdegang gleicht seiner Malerei, fliessend, weiterströmend. Seine plastischen Arbeiten treten hautnah aus der malerischen Verschlungenheit hervor. Neben dem bildnerischen Labyrinth der Wahrnehmung und Empfindung meldet sich eine dichterische Ader, so satzzeichenlos wie die Malerei.

In der Nachkriegszeit verficht Schultze mit seiner Malweise die Ungegenständlichkeit, und doch fällt auf, dass er mit der Vergangenheit nicht ganz bricht, es ist ein Alternieren zwischen Informel und Impression, das ihn beschäftigt. Interessant auch, wie nah er mit seiner Formfindung dem Figural-Expressiven kommt. Spürbar, dass er auf Gegenständliches reagiert, es ist als geschähe eine Um- oder Übersetzung aus der Natur oder aus der traditionellen Malerei. Es ist als enträtselte der Maler auch insgeheim Kompositionen alter Meister, malerische Aufbauten des Manierismus und der Renaissance, und als suchte er nach einer Lösung auf seiner eigenen abstrakten Palette. Konsequente Suche, die ihn zum unverwechselbaren, zeitgenössischen Maler mit internationalem Ruhm werden lässt. Seine reiche Grünskala, die Rot- und Gelbklänge sind begehrt. Die Malerei 'irisierend unter der Fantasie und Kombinatorik Schultzes. Letzlich ist darin auch eine Romanze des Schauens verborgen', die grosse Ehrung und Ausstellung begleitet vom Katalog des Museum Ludwig Köln ist nur eine von vielen Stationen

Die Gruppierungen und die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst ist wegleitend, aber auch die Begegung mit Ursula Bluhm 1949 eröffnet einen neuen Lebensabschnitt. Die Heirat mit der Malerin birgt einen dauerhaften Austausch. Der Aufbruch zur eigenen Sprache erfolgt in den 50er Jahren, das Tachistische in ganzer Vehemenz kommt zum Zug und ist auch im Spätwerk spürbar. Das zu Anfang Surreale, dann Informelle, Expressive und Barocke ist in allen Phasen raumerschliessende Bewegung aus Wirbeln, Tunnellungen und Vermoosungen. Das Unbewusste wird früh Progammgestalter: Von den plastischen Einklebungen in den Bildgrund zum Reliefbild aus Papier, Pappe, Textilien, Kork, Rinde, Stroh, Draht, Bindfäden, Röhren, Drahtkonstruktionen zu den freien Plastikbilder, den 'Tabuskris' (Tabulae scriptae). Die Farbgeister der 'Migofs' haben ihre Entstehungsgeschiche. Die Krakelüren, das Reissen und Splittern der Tafelbilder wie das Gerinnen der Farbe wurde irgendwann zur Figuration und zum Gestaltungsmittel. Der Traum vom Gesamtkunstwerk verwirklichte sich in den Environments der 60er Jahre. Dazu gehören 'Die mythische Höhle des Universums', das 'Migof Labyrinth', das 'Mannequin-Migof', aber auch 1970 die Szenage zu Vivaldis 'Die vier Jahreszeiten' für die Oper Düsseldorf, freihängende, riesenhafte Migofs - am Theaterhimmel. In den 80er Jahren entsteht das Gebilde 'Saurier Bergsturz im Licht', ein Gemälde im Format von über 2 m2, Öl auf Leinwand mit plastischer Einklebung. Die Farbkörper haben sich irgendwann wieder in die Bilder zurück verborgen, die Bildfläche hat sie wieder eingeholt, und wie zum Abschied folgt 1982/85 das 'Trümmer Migof', das Waldlicht des inneren Monologs verkörpernd.

Die Kunst Kubins und Ensors faszinierten ihn schon in den 40er Jahren, doch deren phantastische Freiheit erschien Schultze damals noch wie ein Vergehen. Noch hatte er von der 'Detailbesessenheit Altdorfers' und dem Barock eines Tiepolo und Rubens gezehrt. Die Kunstwissenschaft weiss Schultzes Farbigkeit aus der Anschauung Grünewalds oder Altdorfers zu erklären, von daher deutet sich die Entlehnung, das formale Zitat. Schultze widerspricht nicht der 'Ahnenabkunft seiner Malerei', vorab allerdings nennt er Ensors Einzug Christi, ein Bild, das für ihn seit je die 'wimmelnde Fülle' verkörpert hat. 'Ein Stürzen und Schwanken bis an den äussersten Bildrand ist zu spüren', sagt Schultze heute von einem seiner späten Bilder, 'eine ununterbrochene Metamorphose, das sollen meine Bilder ausdrücken.' Und so sind wir bei den Licht- und Wolkenphänomenen, in der Musikalität universeller Betrachtung angelangt. Eigenschaften, welche die Druckgraphik mit der Malerei innerhalb Bernard Schultzes Lebenswerk zu teilen weiss. ek

Letztes Update: 31.03.08;
© Texte von Evi Kliemand, 1998-2004. © by Grafos Verlag AG, 1998-2004

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