Grafos Home Künstlerliste Graphikliste Antoni Tápies Biographie Kommentare zur angebotenen Graphik


Vorheriger Künstler (Volker Stelzmann) Nächster Künstler (Victor Vasarely)

Antoni Tàpies

Motto: 'Das Organische in sein Recht setzen.' Antoni Tàpies

Zum Werk von Antoni Tàpies

Der Künstler folgt einer inneren Konsequenz, die durch alle Werketappen hindurch sich verwirklicht sieht. Es ist jene Konsequenz, die der Spontaneität Recht und Raum einräumt. Sowohl vom Materialverständnis eines Dadaismus und Surrealismus genährt wie von der zeitgenössisch gelösten Geste des Tachismus in den Anfängen der 50er Jahre bestärkt, sah Tàpies sich gedrängt, den Schritt innerhalb der informellen Malerei nach vorne zu tun. Die Freundschaft beispielsweise mit dem Schriftsteller und Kunsttheoretiker Miguel Tapié bezeichnet Tàpies als eine der fruchtbarsten Erfahrungen in seiner Entwicklung als Künstler. Zahlreiche andere Freunde wären zu nennen, mit denen Tàpies entscheidenden Austausch pflegte, von der Galerie Maeght bis Miró und den Keramiker P.L. Artigas.

Es klingt wohl doch zu oberflächlich, nur feststellen zu wollen, dass Antoni Tàpies' Malerei in den 60er Jahren durch den Einbezug von Objekten, unerwarteten Materialien wie Stroh, Erde, Staub, Karton, Graffitti, Jutesäcke, Wäschestücke, Kordeln, Schnüre, Tücher Aufsehen erregt habe. Dem Verständnis seiner Kunst näher käme vielleicht die Aufforderung: durch den Sand zu gehen - und sich umzuwenden, sich der Spuren zu vergewissern, die verwandelte Materie wahrzunehmen, zu sehen wie die Materie für sich selber spricht.

Das, was bei Tàpies zum Bild wird, ist die Begegnung mit der Materie. Letztlich Schürfspur des Lebendigen. Das Bild wird zum Sehfeld, die Tafel Objekt. Das, was sich mitteilt, ist das, was ist, Stroh wird Stroh, die Zahl wird Zahl, die rauhe Oberfläche bleibt rauhe Oberfläche. Die Bildbeschaffenheit kannte keinen Selbstzweck, mündete nicht im ästhetischen Spiel. Wenn Schönheit mitwirkte, dann kam sie zur Hintertüre herein. Wie sagte es Tàpies selbst: 'Fragen des Gleichgewichts spielen eine Rolle, aber nie Fragen der Harmonie...' 'Dass die Formen sich wieder den natürlichen Rhythmen angleichen.' Oder anders gesagt: 'Wo die Malerei dem Fliessen des Tao zu folgen hat...'.

Das, was zu sagen ist, liegt in den Dingen, an ihnen ist es den Schein zu wahren oder ihn abzulegen. Der Buchstabe hat die Sehnsucht längst aufgegeben, Teil eines Wortes zu sein. Das S wird zur doppelten Windung und Schlaufe, die Trägerschaft des T und die überkreuzten Linien zum höchstmöglichen bildnerischen Konzentrat einer sich ordnenden Chiffre. Und das ist einer der entscheidensten Punkte von Antoni Tàpies Schaffen überhaupt: das Geformte tritt wie nebenbei in Dialog mit dem Ungeformten. Die Komposition ist zweitrangig, sie ist nur Derivat dieser unentwegt statthabenden Begegnung innerhalb der Materie. Und hier mag etwas von der Alchemie und Mystik und der Weisheit aller Kulturen auf die Bilder und das Alltägliche überspringen und diese, ganz im Sinn des Künstlers, still zu verklären.



Das Schaffen von Antoni Tàpies im Spiegel der Druckgraphik

Die druckgraphische Beschaffenheit beschränkt sich auf die Rauhheit des Korns, die Reliefwirkung, das Durchdrungen- und Durchtränktsein des Trägerstoffes. Im Gegensatz zur Malerei limitiert in der Druckgraphik die Fragilität des Papieres den natürlichen Einbezug von fremden Materialien, und doch ist eine Graphik von Tàpies ein Objekt zum Anfassen. Die Radier-Technik wird sichtlich bis an ihre äussersten Grenzen hin beansprucht, strapaziert und aus ihren traditionellen Grenzen befreit. Dem Auge des Malers kamen als Drucktechniken Lithographie und Farbradierung am nächsten. In der Edition des Grafos-Verlages handelt es sich ausschliesslich um Farbradierungen, mit eingeschlossen in diese Technik sind Prägedruck und Collage, Aquatinta und Kaltnadel. Die grobkörnigkeiten der Aquatinta ruft den Sand der Bildtafeln in Erinnerung. Die Freiheit des Künstlers im Umgang mit der Materie fordert auch den Drucker: Fasern, Splittern, die spontane Kraft gehören zur Essenz dieser Sprache, die nichts so von sich weist wie die sterile geschliffene Form.

Eine der ersten geschlossenen graphischen Folgen, die in den 60er Jahren zu Texten von Tàpies' Dichterfreund Joan Brossa entstanden ist, weist schon stark auf die hier genannten Motive hin. Vom Torso bis zur kalligraphischen Geste, von den sich kreuzenden Linien bis zu den Tiefen der Schwarz- und Grauklänge, ist schon alles da: Die Selbstverständlichkeit im Wechsel von Linie und Fläche, das geheimnisvolle Dunkel, spontane Überlegenheit und Konzentration wie sie Zenmeister vermitteln. Das Handgefertigte des Objekts wie das Organisch-Mineralische einer Landschaft, die Zwischenstufen, das Halbdunkel des Übergängigen.

Tàpies wohnt in einem introvertiert wirkenden Gebäude mitten in der gotischen Altstadt von Barcelona. In seinem Werk spielen mittelalterliche Literatur, katalanische Mystik eine ebensogrosse Rolle wie zeitgenössische Dichtung und östliche Kultur und Philosophie. Mit Joan Brossa hat er früh schon erstaunliche Bücher entworfen, eine wechselseitige Annäherung von Poesie und Malerei bis hin zum Antibuch. Tàpies' Graphik antwortet manchem Dichter: Octavio Paz, Shuzo Takiguchi, Pere Gimferrer, Rafael Alberti und Jacque Dupin. An jede Begegnung knüpfte sich Freundschaft. Die Mystik von Ramon Llull wurde zur Brücke zwischen Jahrhunderten.

Der Erker Verlag veröffentlichte die aus dem Katalanischen übersetzten Schriften und autobiographischen Aufzeichnungen des Künstlers und zeichnet als Herausgeber eines Werkverzeichnisses der Druckgraphiken. Mit seinen bewährten Druckern schloss Tàpies meist dauerhafte Freundschaften. Das gilt auch für den Lithographen der Erker-Presse St. Gallen. Es ist vor diesem Hintergrund kein Zufall, dass Tàpies 1962 für die Handels-Hochschule St.Gallen ein Werk geschaffen hat, und dass 1970 im Stadttheater St. Gallen ein weiteres monumentales, repräsentatives Werk von Tàpies zu hängen kam, das das Augenmerk auf eine neue Kunstrichtung zu lenken wusste. Die Aufregung, die es verursachte, liess zu seiner Zeit den dringlichen humanitären Aufruf, der dem Werk innewohnte, fast vergessen. Wer jenes Werk mit seiner stark politischen Aussage zu entziffern versteht, dem entschlüsseln sich Graphiken wie Vela e creu. Ein Segel und vier rote Spuren, welche die Flagge Kataloniens heraufbeschwören. Werke, die für den Freiheitkampf des Menschen und der Kultur stehen, sind Anklage und Plädoyer in einem.

Die vom Künstler ins Leben gerufene Stiftung ist Herausgeberin der imposanten Werkverzeichnisse und der Schriften von Antoní Tàpies. Öffentlich zugänglich ist das Museum wie die Bibliothek, die sich ostasiatischer Kultur verschrieben hat. Tàpies' Liebe zum Buch, zur Bibliophilie, hat eine lange Geschichte, diese zu entdecken führt ins Herz seiner Lebenshaltung und Kunst. ek

Letztes Update: 31.03.08;
© Texte von Evi Kliemand, 1998-2004. © by Grafos Verlag AG, 1998-2004

Vorschläge, Kritik und Anmerkungen bitte an: !