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Max Ernst
Motto: Die geschichte Max Ernst - ist die Geschichte
der europäischen Phantasie (John Russell)
Zum Werk von Max Ernst
Max Ernst wurde als Junge gefragt, was
seine Lieblingsbeschäftigung sei, und er entgegnete: 'Sehen'. Wenn über Max
Ernst geschrieben wird, müsste zugleich die Geschichte der Dada-Bewegung und die
bulversante Geschichte des
Surrealismus und auch die Entwicklung der neuen Kunst in den USA aufgefaltet werden.
Der Dada-Max wurde zum führenden Vertreter der
surrealen Kunst (wie Dalí, Matta, Tanguy, Picabia). Wer in John
Russels berühmter Monographie, einem beredten Klassiker, liest, wird detailliert
informiert. Mit 'Le parquet se soulève'
ist das Stichwort 1939 gegeben, und zugleich das zwiespältige, gespannte politische
Umfeld angesprochen. Doch die
Zukunft Europas hatte Ernst nicht erst seit dem Spanischen Bürgerkrieg beunruhigt,
darüber geben die Flugzeugfallen-Bilder oder die berühmt gewordenen
Collage-Folgen von 1934 zu Une semaine de Bonté, die 147 Illustrationen zu
Femme 100 têtes von 1929 oder Rêve d'une petite fille qui voulut entrer au Carmel
von 1930 reichlich Auskunft. Als
Aussenseiter hatte Max Ernst sich, nicht ohne Witz und schwarzem Humor, eine gewisse
Freiheit der
Meinungsäusserung erhalten, was ihm das Leben nicht leichter machen sollte. Das gilt
auch für künstlerische Belange.
Als Breton Eluard persönlich angriff, hatte sich Ernst solidarisch mit dem Dichter
erklärt und sich 1938 vom Kreis der
Surrealisten distanziert. Als Ernst 1938 in Frankreich als feindlicher Ausländer interniert
wurde, war es im Gegenzug
Eluard, der sich für Ernst einsetzte. Der Ausweg freilich führte 1941, wie
für andere über Spanien und Portugal in die
USA. Vor der Abreise fanden sich die Künstler zwangsläufig wieder, und zwar in
Marseille wie auf einem Felskap
zum Absprung bereit: Max Ernst, André Breton, René Char, Benjamin
Péret, Wilfredo Lam, Oscar Dominguez,
Jacque Hérold, Marcel Duchamp. Max Ernst erreicht New York über Spanien,
zusammen mit Peggy Guggenheim.
Mit Paul Eluard war Max Ernst - wie auch mit Arp - durch 'einen
Einklang des Fühlens und Denkens' lebenslänglich in
Freundschaft verbunden. Es gibt wunderbare Dokumente später Begegnung. Max Ernst
ging davon aus, dass sich im
Unbewussten ein grosses Lager an unverbrauchtem Bildmaterial stapelte. Eine verborgene
Verkettung irrationaler
Erkenntnisse, poetischer Objektivität, von daher auch 'die peinture automatique', die ihn
so fasziniert hat, als ein Born
der unmittelbaren Ausdruckssprache. Hier berühren sich die Auffassungen von Joan
Miró und Max Ernst, und hier
setzt, wie man weiss, auch der abstrakte Expressionismus an. Das alles macht das
schöpferische Denken von Max Ernst
im 20. Jahrhundert wichtig.
Der Surrealismus wie der Dadaismus, deren Hauptvertreter Max
Ernst blieb, bestimmte langjährige Freundschaften.
Noch 1949 entstehen Radierungen zu Tristan Tzaras Monsieur AA l'Antiphilosophe oder ein
Jahr später erschien zu Joe
Bousquet und Michel Tapié, Schriftsteller, die das Oeuvre von Max Ernst früh
schon kommentierten, eine
Lithographie. Die Freundschaft zu den zeitgenössischen Dichtern provozierte noch in den
50er/60er Jahren
atemberaubende Druckgraphiken, die auf deren Gedichte und Texte antworteten, als
wäre es die erste Begegnung. Und
bis zuletzt begleitet ihn das sich selbst erneuernde Vogel-Motiv. Einer spassigen Geschichte
erinnert sich der über
70jährige anlässlich der Entgegennahme eines Ehrendoktortitels (Tonaufnahme,
Dokument des Jean Arp-Archivs).
Entzückt spricht Max Ernst von Vögeln, einer Art Elstern, die dafür bekannt
sind, dass sie ausnahmslos blaue Dinge
zusammentrugen und diese wie zu einer Austellung an einem Ort auslegten, um dadurch den
Blick der Partnerin auf
sich zu lenken. Das Schmunzeln beim Feststellen dieser naturgegebenen Tatsache galt
zweifellos der Kunst. ek
Zur Druckgraphik
Im Angebot des Grafos Verlages gibt es vier Farblithographien
von Max Ernst, Blätter, die zur grossen
Kunstgeschichte zählen. Dazu gesellen sich in Form eines Buches sechs Lithographien
zu Gedichten in bibliophiler
Ausgabe des Verlags Brunidor, Vaduz/Paris. Man braucht nur einen der zahlreichen Kataloge
und Monographien zum
Werk von Max Ernst aufzuschlagen, um diese Arbeiten im Zusammenhang zu sehen. Mit
diesen druckgraphischen
Blättern erster Qualität öffnet sich ein aufregendes Fenster im Hinblick auf
die Kunst der Moderne. Es muss nicht
verwundern, dass in der kleinen Auswahl Vögel die Protagonisten sind. Zu Vögeln
hegte Max Ernst eine besondere
Beziehung. Er schuf eine persönliche Ornithologie. Unter dem Titel 'Loplop stellt vor'
schafft er schon früh viele
Gemälde und Collagereihen. Loplop ist ein Vogelwesen, mit dem sich Max Ernst
identifiziert, ein Alter-Ego. 'Diese
Kreatur in Surrealismus und Malerei verkörpert denn auch den Instinkt, der blind, aber
sicher, hinter dem
automatischen Malen steht', bemerkt John Russell in seiner bekannten Schrift, die Jahr
für Jahr im engen Austausch mit
Max Ernst entstanden - und somit der Text eines Insiders ist. Dass Malerei durch das Wirken
eines verborgenen Ichs
entsteht, eines Ichs, das viel seltsamer ist, als wir gemeinhin annehmen, war für Max
Ernst klar. So entspricht das Ei
dem Augapfel und der Vogel den Bildern, die das Auge aufnimmt. Herr des Auges ist der
Künstler. Er ist Herr der
Vögel. Der Vogel ist die 'Einbildungskraft' schlechthin.
Auch im Titel: Le Parquet se
soulève verschlüsseln sich mehrere Phaenomene: Während
eines Aufenthaltes in der
Bretagne, ein regnerischer Sommertag in Saint-Paul-Roux, Anfang der 20er Jahre, kam Max
Ernst beim Anblick einer
alten Diele die Idee, die Holzriemen auf Papier abzureiben, um sich von der Maserung anregen
zu lassen, so wie ihn
schon in der Kindheit die Mahagony-Täferung fasziniert hatte. Damit war die Frottage in
die Moderne eingeführt. Max
Ernst schreibt davon in 'Jenseits der Malerei' (Au-delà de la peinture/Beyond Painting),
ein Buch, das er 1937
veröffentlicht. Diese Durchreibetechnik, die Frottage, bestimmte fortan, neben der
Collage, Grattage (der
Kratztechnik), der Empreinte und der Decalcomanie (einer Art Abklatschbild, Abdruckbild)
sowie dem expressiven
Farb-Dripping (leitgebend für späteres Action-Painting) seine Bildwerdungen aufs
Entscheidendste. Die Maserung (von
pflanzlichen und mineralischen Strukturen) ersteht unter dem surrealen Blick und wird zum
doppelten Boden des
Imaginären. ek
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