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Rudolf Belling

Motto: Frühe Vorstösse in die Abstraktion und seine kühne Vision zeichnen den Künstler Rudolf Belling nachhaltig als Plastiker aus.

Zum Werk von Rudolf Belling

Rudolf Bellings frühe Vorstösse in die Abstraktion und seine kühne Vision zeichnen den Künstler nachhaltig als Plastiker aus. Der weite Bogen seines Wirkens ist in drei Teile gegliedert: die Zeit in Berlin bis in die 30er Jahre, die fast drei Jahrzehnte in Istanbul und die letzten Lebensjahre in München. Das zeichnerische Werk begleitete den Plastiker.

Es wäre interessant, vor dem Werk eines fast vergessen gegangenen Künstlers wie Belling, die Entwicklung der Plastik in Deutschland nochmals aufzurollen: Der deutschen Skulptur haftete im Vergleich zu den umliegenden Ländern lang eine gewisse Schwere an. Die Formen blieben materie- und gegenstandsgebundener als in Frankreich, Russland, Italien. Der Jugendstil hatte nicht mit dem Figuralen gebrochen. Zwar war das Ornament und das konstruktivistisch durchgliederte, funktionelle Bilddenken ein Thema geworden, doch brauchte es weitere Impulse, um der Richtung Deutlichkeit zu verleihen. Vor dem Hintergrund der architektonischen und kunstgewerblichen Bewegung kurz vor dem 1. Weltkrieg, wie der Deutsche Werkbund (und danach Walter Gropius und sein Kreis) sie verstanden hatten, aber auch angesichts des expressionistischen Verständnisses (Kirchner, Lehmbruck, Barlach), lässt sich Bellings kühne Vision - einer neuen Kunst am Bau - im zeitlichen Kontext begreifen.

Als einer der ersten, wenn nicht gar als der erste, Plastiker in Deutschland durchbricht Belling die Gegenständlichkeit und gelangt mit der Plastik des 'Dreiklangs' schon 1918/19 zur völligen Abstraktion. Er unternimmt diesen Durchbruch zu einer neuen Bildwirklichkeit im engen Dialog mit Architekten.

Es hatte sich ihm im Umgang mit den Architekten Bruno und Max Taut und mit Hans Poelzig, ein Weltbild eröffnet, das sich aus der unmittelbaren, funktionellen und konstruktiven Form und aus dem Anrecht auf schöpferische Freiheit erklärte.

Belling erarbeitete sich den Umgang mit der freien Form, wie sie der Kubismus in Frankreich, der Futurismus in Italien gefestigt hatten. Wechselbeziehung von Luftraum und Körperraum wurden zum eigentlichen Sprachelement. Das Nichtfigurative wurde in seiner Konsequenz weiter gedacht. Belling gab eine Werkphase lang allen gegenständlichen Bezug auf.



Begonnen hatte Belling 1915 als Plastiker mit expressiven, figuralen Motiven. Auf der grossen Berliner Kunstausstellung 1921 machte die 'Geste Freiheit' wie es heisst 'Furore'. 1918 wird in Berlin 'die Novembergruppe', eine progressive Künstlergruppe, ins Leben gerufen, Rudolf Belling, Mies van der Rohe, Max Pechstein, César Klein gehören dazu. Zusammen mit den Architekten Luckhard und Würzbach entstehen 1918/19 ein plastisch geformter Raum und ein Brunnen aus montierten Messingrohren und geometrisch zementierten Formen. Eine Art Gesamtkunstwerk. Das gilt auch für jenen mit den Architekten Korn und Neutra gestalteten Terrassengarten mit dem 1923 errichteten Goldstein-Brunnen, eine Plastik wird zum eigentlichen Mobile. Die Industrie verlangt nach neuen Formen. Die Grenzen zwischen Kunst und angewandter Kunst werden fliessend. Belling schafft u.a. Kühlerfiguren (Horch), Reklame-Plastiken (Mercedes), Schaufensterpuppen, aber auch Bühnenbilder (Max Reinhardt).

In den 20er Jahren wendet Belling sich, bewegt vom konstruktivistischen, futuristischen Formengut, der Porträt-Plastik zu und findet zu einer knapp formulierten geometrisierten neuen Sachlichkeit. Für Amsterdam und Berlin entstehen noch Anfang der 30er Jahre in Zusammenarbeit mit Bruno Taut angewandte, öffentliche Beiträge am industriellen Bau, doch dann wird der geistige Aufbruch und Elan durch den Nationalsozialismus unterbunden, wie die Biographie zeigt. Durch Auswanderung und neue berufliche Bedingungen verzögert sich für Belling die eigentliche Fortführung seiner Visionen. Derweil in Deutschland seine Werke aus den Sammlungen genommen und die Bronzen eingeschmolzen werden, war er 1937 einer Einladung der türkischen Regierung als Reorganisator und Leiter der Bildhauerabteilung an der Kunstakademie in Istanbul gefolgt. Auch Bruno Taut war 1936 in anderm Auftrag nach Istanbul emigriert. Zwar war die Tätigkeit am Bosporus für einen experimentellen Künstler nicht sehr förderlich, doch kehrte Belling erst 1966, 80jährig, in seine Heimat zurück, nach Krailling bei München, wo er bis zuletzt künstlerisch aktiv bleiben konnte. Plastik-Aufträge, Ausstellungen und Ehrungen in Deutschland gingen seiner Rückkehr voraus. Die späte Druckgraphik bestätigt denn sein bewusstes intensives Alterswerk. ek

Letztes Update: 31.03.08;
© Texte von Evi Kliemand, 1998-2004. © by Grafos Verlag AG, 1998-2004

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