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Joseph Beuys

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Aus dem Leben der Bienen
 

Zu den Zyklen

Die Blätter aus der Suite Schwurhand, Zirkulationszeit, Tränen knüpfen geheime Verbindungen. Vielleicht aber ist es einfach ein Klang. Franz-Joachim Verspohl schreibt: 'Es falle in der Suite Schwurhand auf, dass die Blätter thematische Schwerpunkte setzen. Licht und Materie, Statik und Bewegung.'

Es wäre sicher irreführend, wollte man die Zyklen linear wie eine Geschichte lesen. Etwas von der Unberechenbarkeit aller Erscheinung haftet ihnen an. Nach und nach werden einem die Motive vertraut, vorab die Tiere, die Robben, der Schwan, das Rentier, das Schaf, der Hase, der Hirsch, die Schlitten, die Frau und Stofflichkeiten wie Filz, Fett und Honig.

 
  

Blitz und Bienenkönigin



Honiggefäss


   Im Katalog der Liechtensteinischen Staatlichen Kunstsammlung 'Joseph Beuys. Späte Druckgraphik', worin die im Grafos Verlag erschienenen Blätter alle farbig abgebildet sind, zitiert der Autor Franz-Joachim Verspohl eine Stelle aus 'Das allgemeine Brouillon' von Novalis, und zieht es in einen Zusammenhang zu Beuys. Des Künstlers geistiges Konzept ist nicht zu unterschätzen als eine Form der Alchimie.: Polare Prinzipien wie Kristallisation und Organisches werden wirkkräftig. Beuys hatte sich in seinen Anfängen, gleichsam als Ausgleich zur Katholizität seiner Jugendzeit, mit Anthroposophie beschäftigt (u.a. mit Rudolf Steiners Aufsatz von 1923 'Über die Bienen') Elemente davon flossen in sein Werk.

Bei der druckgraphischen Technik dieser Auswahl handelt es sich um Lithographien und um Radierungen, bzw. um Kaltnadel oder Aquatinta und auch Kombinationen von Stein- und Kupferdruck. Im letzten Zyklus: Tränen, gedruckt 1985, sind es ausschliesslich Radierungen. Elch, Hase, Hirsch, Schlitten sind zugleich Prototypen im Aktionsradius von Joseph Beuys, biographische Prägung und intuitive Zusammenführung bestimmen die künstlerische Haltung.

Die ersten zwei von Grafos verlegten Blätter Torsi und Elch sind schon vergriffen. Die Lithographie von 1978 Aus dem Leben der Bienen (nach einem Entwurf von 1959) zeigt eines der Motive zur berühmtgewordenen Honigpumpe. 1952 entsteht das Bild 'Physiologie der Bienen', 1952 das Relief der 'Königsbiene'. Fast alle Motive weisen auf spätere Aktionen und Installationen hin, es ist hier nur nicht der Raum, dies aufzuzeigen. Zum gleichen Motivkreis gehören Blätter wie das Abschluss-Blatt des Zyklus Schwurhand: Blitz und Bienenkönigin oder die geheimnisvoll verhaltene Graphik aus Zirkulationszeit: das Honiggefäss. Das sind Wege, sich der Natur anzunähern und sich mit dem Umfeld in Verbindung zu setzen, im Sinne einer Befragung.

  

  
Kalb und Kinder



Frau rennt weg mit Gehirn



Hirsch
   Wachs, Fett, elementare Essenzen, gehören, im Gegensatz zum Filz, der isolierend wirkt, zu den wärme-empfindlichen Stoffen. Wärme als Evolutionskraft, Verbindungselement zwischen den Materialien. Bei Beuys erhält der Austausch Gleichnischarakter. Im ersten Blatt aus der Suite Schwurhand, gedruckt 1980, erscheint - wie der Schatten aus Platons Höhle - der flüchtig anmutende Umriss von Kalb und Kindern. Auch dies ein Blatt, das sich aus dem Tagebuch gelöst haben könnte: Die Wiese spiegelt sich in Blumennamen: Geissfuss, Günsel, Knöterich, Waldrapunzel, Massliebchen, Walwurz .... Das Alltägliche wird auf eine scheue Weise fragmentarisch. Dem weiblichen Erscheinungsbild ist in dieser Folge nur ein Blatt gewidmet, Frau rennt weg mit Gehirn. Ein prärationales Bild, das an Frauenbilder in den anderen Zyklen anschliesst. In Beuys' Welt tritt die Frau unberechenbar, unerwartet, unkonventionell auf. Und wie das Motiv der Frau ist der Hirsch (oder Elch) eines der Leit-Motive, ob zeichnerisch linear oder laviert, als Radierung oder Litho oder alles in einem. Zur eigentlichen Malerei aber wird das Motiv überraschend im dritten Blatt der Schwurhand, ausgehend von der assoziativen Kraft des Fleckens. Nur dieses eine Mal bricht Beuys in die reine Farbe aus: rot und blau.


Schwurhand

Eiszeit

Zelt
  
  
Materie
     In den anderen Blättern bleibt er bei den organischen oxydenen Farbklängen, die an alte Manuskripte und deren dunkelbraune Tinten aus Pflanzensäften erinnern oder auch honig- und wachsfarben sind. Aus dem erdfarbenen Ton gewinnt die Alchemie das Gold. Die Alchemie der Wahrnehmung beherrschte Beuys, und seine Kunst war wie ein Lehrplan vermittelnd angelegt. Ganz konkret werden die Schwurhand und das Zelt als Motiv eingebracht. Und fast irreal wirkt die zarte Allusion auf eine Eiszeit. Die kristallinen Formen erinnern an Blätter im Zyklus Tränen: an die Ur-Schlitten, an den Nordpol oder an das gleichbenannte Blatt in Zirkulationszeit. Die braune kubische Form hingegen bringt das Wort Materie ins Spiel und setzt sich fort in Blättern wie Scrolls, Skulptur aus Gold, Lumen und der Folge der Wandernden Kisten. Diese fünf Lithographien zur Kiste sind noch im allerersten Werkverzeichnis als ein Kontinuum über eine Doppelseite abgebildet, so dass der Wanderweg der Kiste in ihrem Vorrücken nachvollziehbar geblieben ist.   
 
Mit Fett gefüllte Skulptur


Scrolls

Skulptur aus Gold

Lumen
 
Wandernde Kiste Nr. 1

Wandernde Kiste Nr. 2

Wandernde Kiste Nr. 3

Wandernde Kiste Nr. 4

Wandernde Kiste Nr. 5

  
Fötus



Vogel
     Es folgt der Fötus, des Pränatalen Existenz. Der fliegende Vogel bringt die Botschaft, wird zum Akt der Wahrnehmung, eine intuitive Geste im Spielraum von Materie und Licht, das gilt auch für den Schwan. Bei diesem Blatt ist es, als wäre der Vogel soeben durch die Schwerkraft der Materie gestossen. In allem ist etwas vom unerklärlichen Incarnatus est. Motive und Erkenntnisse, die selbstverständlich auch in den Aktionen und Interventionen zur vollen Ausformung gelangt sind. Im Kern des geschlossenen Kreislaufs, kommt der in seinen Umriss wie in einen Schutzmantel eingegossene Mensch zum Vorschein, an den die Riesin einer Bienenkönigin pocht. Und alles wird illuminiert vom Blitz, dem elementaren Energiestrang, den die Natur beisteuert. Mit dem Motiv Blitz und Bienenkönigin endet der Zyklus Schwurhand.

Schwan

Blitz und Bienenkönigin
  

  
Tote Hirsche



Junger Hase



Mädchen



Portrait H.B,





Raumecken, Filz, Fett
  

Zyklus Zirkulationszeit

Der Auftakt zum Zyklus Zirkulationszeit gibt das stolze Bild der toten Hirsche, ein feines Lineament, dem eine Naturstudie voranzugehen schien. In essentieller Reduktion, verschwindend transparent der Junge Hase. (Der Hase hat im Beuys'schen Werk Signalwirkung. 'Chi dice che il coniglio non ama Joseph Beuys', betitelt sich ein Werk von 1977.) Ganz anders die Zeichnung Mädchen. Unerwartet lebhaft tritt die Frau auf. Rasch die Linienführung, bereinigt und geformt im Portrait H.B. Ein Portrait nach einem Entwurf von 1950, wie im übrigen alle Blätter auf frühe Entwürfe zurückgehen. Irritierender das Topfspiel, wo ein Reales und ein Irreales aufs Korn genommen wird, das Spiel der Mutter mit ihren Kindern. Die Mütter bleiben ein Thema. Doch die Alchimie der Frau rundet sich bei Beuys nicht nur im Mutterbild. Die Taucherin hat Symbolcharakter und wird zugleich zum Hermaphroditen. Die Alchimie des Menschen wirkt im Konstrukt der Raumecken. Filz und Fett, ein Beuys'sches Leitmotiv. Der Raum wird nun zum geheimnisvollen Honiggefäss. Ein Gruss von Mann zu Mann verbirgt sich im Blatt Hirsch mit Hut, ein Selbstportrait von1980; ein Widmungsblatt als Dank an Friedrich Herlt, der die Editionen für den Grafos-Verlag initiiert und all die Jahre im Austausch mit dem Künstler gestanden hat. Beuys hatte im Krieg eine Verletzung davongetragen, und es schützte ihn, wie man weiss, fortan ein Hut, der seine Erscheinung und sein Auftreten zu jedem Anlass prägte.


Topfspiel

Die Mütter

Taucherin

Honiggefäss

Hirsch und Hut

Bär

  
  
Meerengel Spermwal



Meerengel Seegurke



Zirkulationszeit



Kreuz für Saturn
  

Und irgendwann brach, wie das Unbewusste, das Meer herein, und mit ihm die Protagonisten der von der Zivilisation verbannten Wildnis. Die berühmt gewordenen Aktionen gehörten zur Tagesordnung. Die Umwelt trat ins Bewusstsein der sozialen Ausrichtung: Bär, Meerengel, Robben, fünf eindringliche Blätter, eine sensible Grundform des Lebendigen (vgl. Novalis), gefolgt vom Meerengel einer Seegurke, die den weiten Horizont verkörpert. Von daher dringen bald schon die Urschlitten ins Bild, zwei Radierungen (Urschlitten I, Urschlitten II). Es folgt das Blatt Zirkulationszeit, von dem der ganze Zyklus seinen Namen hat. Der erste Urschlitten wurde von Beuys aus Fundstücken, die von Abnutzung gezeichnet waren, zusammengebaut. Einmal hatte Beuys an diesem Schlitten einen Drachen befestigt und war tagelang über die Rheinwiesen geschlittert. Und schon meldet sich der Gott der Materie im letzten Blatt zurück: Kreuz für Saturn, und die Zirkulationszeit ist damit beschlossen.


Meerengel Robbe I

Meerengel Robbe II

Meerengel Robbe III

Meerengel 2 Robben

Urschlitten I

Urschlitten II
  

  
Jungfrau



Petticoat


   Die Suite Träne von 1985 kommt einem Ausklang gleich. Der Zyklus schliesst an dieselbe Bewegung an wie die vorangehenden beiden. Das Ritzen in Wachs oder das Zeichnen in Sand kam Joseph Beuys Suche nahe. Es ist die archaischste Art, eine Spur zu hinterlassen. In der Grabetechnik der Radierung klingt davon etwas nach. Nun teilt sich das Weibliche in Aspekte auf: die schlanke Jungfrau und der von schmalen Beinen gestützte Petticoat, der zum Raumgebilde einer fremden Perspektive wird. Ganz anders der in sich geschlossene Frauentorso. Die Seiltänzerin wagt im Spagat den Übergang, dort oben wo sie steht und die Balance hält, als hätte sich das Weibliche längst über die Köpfe hinweggehoben. Ein Schlussakkord. Zuvor steigt die Wildnis an, die Natur reduziert auf ein Schafskelett, dann Riesenziegen, und wie aus einer fast scheidenden Erinnerungsform entsteigen dem Nordpol Eisbären. Die Intelligenz der Schwäne wie die intuitiven Kräfte des Gehirns bemächtigten sich in aller Form des Beuys'schen Hutes.

Frauentorso

Seiltänzerin

Riesenziegen

Schafskelett

Nordpol

Intelligenz der Schwäne
  

  
Hirschchädel


Hirschfuss
  

Der Hirschschädel aus älterem Entwurf, der Hirschfuss und das Haupt des Hirsches, an dem die Träne zerrinnt. Der König der Visionen weint, die Antennen in den Raum verstrahlt. Die Wildnis, ähnlich den Meerengeln, ruht in der Grundform der Schamanen-Trommel, als einem Nachhall auf alle Energien. Die Härte, mit dem der Balanceakt der Seiltänzerin erfasst worden ist, spitzt sich zum Leitton zu. Dieser Zyklus ist ein erschütterndes Vermächtnis. Beuys' Tod liess diese Blätter zum Schlussstein eines reflexiven künstlerischen Weges werden.


Hirschkopf

Schamanentrommel

Seiltänzerin

Der Künstler hatte sich bedingungslos den unbestimmten Kräften der Intuition ausgeliefert und dadurch die Bild-Vorstellungen zu erweitern vermocht. Seine Zeichenkunst wird von Automatismen und vom beobachtenden Blick getragen und ist von höchster Sensibilität. 'Der Hase', hatte Beuys in einem Gespräch bemerkt, ' ist ähnlich wie der Hirsch aber auf eine ganz andere Art viel spezialisierter. Er gräbt sich ein. Da kommt man wieder auf die Inkarnationsbewegung. Das macht der Hase, sich stark in diese Erde hineininkarnieren, was der Mensch nur mit seinem Denken radikal durchführt: sich damit an der Materie (Erde) reiben, stossen, graben; schliesslich eindringt (Kaninchen) in deren Gesetze, in dieser Arbeit sein Denken verschärft, dann umwandelt und Revolutionär wird.' ek  

  

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Letztes Update: 31.03.08;
© Texte von Evi Kliemand, 1998-2004. © by Grafos Verlag AG, 1998-2004

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