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Jorge Castillos
Motto: Von der verborgenen Wirklichkeit in den Bildern
von Jorge Castillo. Farbradierungen aus der Berliner Zeit
Zum Werk Jorge
Castillos
Bleiben wir im Motivkreis der bei Grafos erschienenen
Blätter: 1977, zwölf Jahre vor der Übersiedlung von Barcelona nach New
York, malte
Castillo ein Intérieur mit dem Titel 'Der geblümte Tisch. Mesa floreada'.
Am Tisch seine Frau Marienza. Der Blick fällt ins Nebenzimmer, die Tür
steht offen, Pelikan, Schlangentier und Kanarienvogel, dünnwandig die Abgrenzung
zwischen der häuslichen Einrichtung und den urtümlichen
Kräften des poetischen Spiels und der Erotik. Ein anderes grossformatiges
Gemälde trägt den Titel: 'Ein Tisch aus Galizien'. Wer Castillos
dramatische Biographie kennt, weiss um den tieferen Zusammenhang. Nach einem
Auswandererdasein prägte diesen Künstler bis 1959 auch in
Europa ein unbehaustes, unbedarftes Wanderleben, das begleitet war vom Ringen um eine
künstlerische Gestalt. Ein Tisch, das konnte für ihn
soviel bedeuten wie für andere Menschen ein Zuhause, eine Insel, ein Anker. Als
erbringe der Tisch in seiner Erscheinung auch ein Gegenbild auf
die erruptive Bildwelt, die phantastische komplexe Kombinatorik, die Castillos Gesamtwerk
bestimmen. Ein still Intimes, ein umgrenztes Privates,
das Jorge Castillo hereinholen, einholen will. Auch 1976 entstanden, neben minuziösen
Beobachtungen eines Zeichners des neuen Realismus,
pulsierende Aquarelle, darunter 'Die Liebkosung' oder 'Mädchen mit zwei Profilen,
Niña en dos profiles'. Die Harmlosigkeit täuscht. Immer
wieder verursachten Malereien Castillos Aufregung und Skandal, in Berlin wie in
Almería.
Schon Castillos Frühwerk kennt
Grosszügigkeit. 1952 erste kubistische Aufbauten, eine einfache Zeichensprache,
verdichtete Darstellung,
sarkastisch der Realität zugewandt und zugleich von einer fast zärtlichen, ofmals
ironischen Geste gegenüber dem Leben geprägt. Dazu kommen
unerwartete, befremdende Bildzusammenhänge und der Mut zu grossen Formaten. 1970
wird einem neuen Realismus stattgegeben, der die
Klassik miteinbezieht. Unterschiedliche Stilformen der Moderne werden
zusammengeführt. Zu allen Zeiten diente ihm die Zeichnung als eine Art
Kurzschrift für momentane und atmosphärische Eindrücke. Eine starke
Kompositionskraft und die Freiheit des Virtuosen in der Anwendung
abstrahierender wie darstellerischer und erzählerischer Aspekte kennzeichnen bis heute
sein Werk. Castillo ist Zeichner und Maler und zugleich
Bildhauer. Symbolist und Surrealist in einem.
Zum druckgraphischen
Schaffen
Zutreffend, was S. Hiekisch-Picard schreibt: 'Die Graphik gilt für Castillo als
Katalysator zwischen dem zeichnerischen und malerischen Werk.
Schon seit Beginn der 60er Jahre widmet sich Jorge Castillo neben der Malerei und der Plastik
der Druckgraphik, die Aquatinta-Radierung und
die Lithographie stellen einen kammermusikalischen Aspekt seines Oeuvres dar. 'Ich liebe es
mit Kupfer, Zink, Metall zu arbeiten. Ich liebe diese
Technik um ihrer selbstwillen,' hatte Castillo gesagt. Bestbekannte Drucker und wichtige
Editionshäuser und Galerien haben mit dem Künstler
zusammengearbeitet.
Das graphische Frühwerk Castillos ist zwischen
1962 und 1968 (Madrid, Paris, Boissano/Italien) anzulegen. Antoni Saura war auf den
Künstler
aufmerksam geworden. Zu seinen ersten grossen Förderern zählte der Galerist Jan
Krugier. Die Genfer Jahre 1968-1970 wurden von der engen
Zusammenarbeit mit dem Leiter des Centre Genevois de Gravure contemporaine, Daniel
Divorne, bestimmt. Dadurch blühte erneut Castillos'
graphische Produktivität auf, die Möglichkeiten erweiterten sich, die
Farbradierung trat hinzu (Oeuvre Katalog Charles Georg, Graphische Werk
1971). Es folgt die Berliner Zeit, 1970-1975/76. Aus diesen Jahren stammen die hier zur
Darstellung gebrachten Farbradierungen im Grafos
Verlag. Eine Phase reifster graphischer Entfaltung. Die Kontakte zum Kunsthistoriker Werner
Haftmann und zum Verleger Wolf J. Siedler
bleiben wegleitend. Mit dem Weggang von Berlin bricht die graphische Arbeit jedoch für
länger ab, Druckgraphik wird rar, Malerei und
Bildhauerei treten ganz ins Zentrum. Erst in den 90er Jahren wird für Castillo die
Druckgraphik wieder zum gestalterischen Thema. ek
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