Henry Moore
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Seated Woman |
Das Motiv der Sitzenden ist für den Plastiker wie für den Zeichner ein fast obzessives Phänomen. Die Lithographie mag an Zeichnungen aus dem Frühwerk erinnern. Henry Moore hatte vermerkt, dass manche frühen Skizzen den Raum nicht ganz erschlössen, und er hatte hinzugefügt, dass die Zeichnung andern Gesetzen folgen werde als die Skulptur. Jedes Medium verlangt seine Übersetzung. Eine lavierte Zeichnung beispielsweise von 1930 'Sitzende im Fauteuil' führt über viele Verwandlungen hin zur 'Figur auf Stufen', ein Motiv, das in der Skulptur monumentale Realisierung gefunden hat. Das Abstrakte und das Gegenständliche liegen für Moore hautnah beisammen. Dort die grossen Kernformen des Weiblichen und hier das variable Erscheinungsbild der Frau. Das zeigt auch ein Überblick auf die graphischen Blätter aller Schaffensjahrzehnte. Die Akte evozieren die Vision des Mütterlichen wie des Mädchenhaften, dafür gibt Seated Woman ein Beispiel. In diesem Blatt tritt die Zeichnung als helles Lineament auf, die Lithographie wirkt wie ein helles Sgraffito auf dunklem Grund. Die Skizze hat etwas vom intim Privaten, Persönlichen behalten, sie steht noch vor der Umwandlung in kernhaft abstrakte Grundzüge. Ein Ziel, das Moore in seinem Werk immer wieder angestrebt hat. |
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Seven Reclining Figures |
Moores Leitmotive sind die liegende Figur, die Ruhende, Mutter und Kind. In der Farblithographie Seven Reclining Figures (gedruckt 1979) hat Moore Grundformen seiner skulpturalen Schauweise aufgegriffen. Mehrfach entstehen in den 60er und 70er Jahren Graphiken unter diesem Titel. Moore blieb der Figur treu. Es sind Variationen zu Liegenden. Die Reihung der Figuren erinnert an seine berühmten frühen Zeichnungen von 1940/41 aus dem Tunnelschutzraum. Damals schon hatten ihn das Blockhafte der Körper wie die raumhafte Durchhöhlung der Volumen beunruhigt. Von den realistischen und surrealen Arbeiten bis zu den abstrakt aufgelösten Elementen durchlief die Figur ihre Verwandlung. Dieser Prozess ist im Werk auch rückläufig präsent. In diesem erstaunlichen Blatt wurde die Form in einem Verdichtungsprozess auf eine grosse Linie gebracht, auf einen homogenen Kerngehalt. Die Leiber weisen keine Durchbrüche auf, das Licht gleitet über sie hinweg, die Gliedmasse verankern sich im Raum. Diese stichhaltige Graphik wirkt wie das Keimblatt zu einem unglaublichen Oeuvre. Die geschlossene Figur wird sich zu anderen Zeitpunkten in Teile auflösen. Der Leere, den Zwischenräumen wird es aufgetragen sein, die Figur im Raum zu schliessen.
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Six sculpture ideas |
Diese Visionen eines Plastikers finden sich in den in Terrakotta, Holz, Stein, Metall, Beton oder Bronze realisierten Skulpturen wieder. In den 70er Jahren setzte Moore mehrfach skulpturale Ideenskizzen in Graphik um. In der Farblithographie Six sculpture ideas (gedruckt 1979) ist der früh zu seiner Sprache gereifte Moore unverkennbar: die raumhaltigen Körper, die Liegenden wie die Stehenden; Formen und Rhythmen, die der Abstraktion wie der Körperhaftigkeit zufliessen. Die Leere wird von den Gliedmassen gebildet, die dem Torso entwachsen. Fülle und Leere als zwei souveräne Gestaltungsmittel. Die Figur wird zum räumlichen Klangkörper. Moore bewegt sich auf eine radikale Formulierung des plastischen Körpers hin. Noch den kleinsten Formaten ist Monumentalität eigen, auch das hat mit Raum zu tun. Er spielte auf seinen Werkvisionen wie auf einer unerschöpflichen Tastatur: Das Blockhafte, Monolithische in den Entwürfen für Stein; das rhythmisch Aufgehobene im Raum in seinen Bronzen und Holzskulpturen; und der entschlossene Duktus seiner zeichnerischen Sprache, die in dieser vielgestaltigen Graphik auf mustergültige Weise Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts evoziert. |
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Frau mit Buch |
Im Vorfeld des 80. Geburtstages des Künstlers wurde eine Reihe Farb-Lithographien gedruckt, Blätter, die für sich selber stehen und zugleich Orte des bildhauerischen Take-off darstellen. Die sitzende Frauengestalt, deren Kernformen, beschäftigt Moore zu allen Zeiten. Spürbar in diesen Blättern eine höchst sensible und entschlossene Lichtführung, eine malerische Komponente in den Hell-Dunkel-Modulationen und eine Liebe für das frauliche Motiv: Frau mit Buch, Frau mit überkreuzten Armen, Frau mit gefalteten Händen, zwei Sitzende und Frau mit Taube (alle 1976 gedruckt). Diese überzeugenden Farblithographien lassen jene subtile Verwandlung ahnen, welche zur Abstraktion und zur Grossform führten. Zwar war die Abstraktion, die Suche nach dem wesenhaften Volumen, für Moore schon in den 30er Jahren das Thema. Es schälte sich aus der natürlichen Erscheinung heraus, wie die Imago aus dem Kokon. Zu diesem Prozesshaften bildet das zeichnerische Werk eine lebendige Brücke. Zwei Sitzende mögen denn an das Skulpturenpaar 'König und Königin' (1959) erinnern. Der Raum spielt dort mit seiner Materie wie der König mit seiner Königin. Ein sehr freies und souveränes Formdenken durchzieht alle Visionen und Entwurfsformen dieses grossen Künstlers. |
Frau mit überkreuzten Armen |
Zwei Sitzende |
Frau mit Taube |
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