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Antoni Saura

Motto: Saura ein Skulpteur der Farben, dramatisch und entlarvend.

Zur Porträtmalerei von Antoni Saura

Francisco Calvo Serraller schreibt in der erwähnten Monographie zu Sauras 'Dames', den Frauenbildnissen: 'Goya ne discernait plus tout à fait déjà où il commençait ni où cessait le veritable visage? - Le masque n'est pas pour Goya ce qui cache la face, mais ce qui la fixe..' Auf der Photographie des Ateliers von Antoni Saura erhält alles Augen. Die fünf Bilder im Hintergrund erinnern an die Graphiken im Grafos Verlag. Sogar der Korbsessel mit seiner doppeltgechwungenen Armlehne wird zum Augenpaar. Der Blick zum Fenster hinaus auf die bröckelnden Felswände des Hügels wird zum Gesicht (1989). Saura schlägt einen in Bann, in jenen Bann, unter dem er seine Malerei zelebriert. Saura ist vor allem Maler. Seine Malerei wurde einmal zutreffend mit den Eigenschaftswörtern umrissen: rituel, naturel et responsable. Seine Visionen entstehen aus der Malerei, aus dem Umgang mit der Farbe und dem Pinsel und unter der Betroffenheit des Künstlers. 'Der Gestus ist bei Saura sowohl Methode wie Befreiung, Rekonstruktion wie Fantasma, er führt zur Edelfrau wie zur Entkleideten.' Saura griff uralte Themen der Malerei neu auf. 1990 zum 60. Geburtstag werden in Cuerca seine illustrierten Bücher ausgestellt, in Barcelona realisiert er grosse Leinwände zu Texten von Jacque Chessex: la muerte y la nada. Nicht zu vergessen, Antonis Bruder ist der expressiv-surrealistische Filmemacher Carlos Saura - und da berühren wir die frühe Pariser Zeit und den Surrealismus.

Saura greift hier auf die traditionelle spanische Porträtform zurück, paraphrasiert, ist todernst und voller scharfsichtigen Spotts. Er verwandelt seine Gegenüber in die Weiss- und Schwarzoxyde, in Schwefel, Siena, Umbra, Ocker seiner Kunst. Die Damen beispielsweise, unter Anleihen des Kubismus und der informellen Malerei, gehen eine Liaison ein. Sauras Porträt-Galerie zieht die verschlungenen Wege des Labyrinthischen. Ganze Körper verschmelzen zum Fauteuil. Innen und Aussen werden verwischt. Die späten Picassos finden hier eine Parallele. Bei Saura wird die Malerei zu einer Dramaturgie der unversöhnlichen Satire. Das Porträt Goyas fliesst übergangslos in jenes des Hundes über. Alles wird zum Aufschrei der Kreatur. Das Motiv des Portraits ist bis in die 90er Jahre gegenwärtig. Unbeugsam. Es ist eine verwandte Fixierung auf Raum und Gestalt wie sie für Alberto Giacometti zutrifft. Aber auch eine Form der Knebelung wird dargestellt, Geschichte, die mundtot macht. Das Dunkle auskratzen, bis es wieder zur Stimme wird. Das ist die Resistance. Nicht zu weit gegriffen, wenn man erfährt, dass Saura 1956 aus Protest gegen das Franco-Regime seine 'Bücher' verbrannt hat, dass er 1965 hundert seiner Bilder zerstörte. 'Julieta von der Akademie' (1960) weiss, dass die dürren und verhärmten Anitas und Agnèsen und Stellas (1960/61) auf schiefergrauem Grund (Öl auf Leinwand) die schweigende Mehrheit repräsentierten. In diesem Umfeld entstehen auch die Infantinnen. Fast totenkopfartige Wesen, ihr Geschmeide liegt an ihren Hälsen wie Trophäen von Kopfjägerinnen. Die Gesichter versinken hinter der Haartracht und dem Vestement.

Die Druckgraphik begleitet das gesamte Werk. 1972 realisiert Saura unter anderem Serigraphien unter dem Titel: 'The King' zu Texten des kubanischen Schriftstellers José Lezama Lima. Siebdrucke unter dem Titel 'Rembrandt' 1969-1973 zeigen das unerschöpfliche Rätsel des Antlitzes, so auch die Reihe 'Moi' von 1976. Ein verzweifelter Versuch sich mit der Materie zu versöhnen. In den Landschaftsakten, den Nu paysage, ist der Skulpteur am Werk. Jede Form wird aufgegriffen, repetiert. Ein grosser, breiter waagrechter Rhythmus durchzieht die Zweiteilung der Bildfläche. Die Hochformate erfassen die Femme-Fauteuil. Ein Zusammenschmelzen mit dem Gegentand, auf dem sie ruht, die Frau wird zum Fauteuil, in den zu liegen sie einlädt.

Durch ein Attentat wird 1978 sein Atelier in Cuenca zerstört. Mit Pinsel und Pinselstielen holt er aus seiner eigenen kontradiktorischen Gestik sein Gesicht. Die Ästhetik wird über Bord geworfen. Schleicht sie ein, zerkratzt er ihre Haut, auf dass dem Schweigen ein Sinn werde, ein Schrei zumindest, so in den Kreuzigungen wie in den Selbstbildern. Bilder im Format von 2 m Höhe und 2,50 m Breite. Saura ergreift Themen des Tabus und der Tradition.

'Die Gesichter Sauras steigen aus der Tiefe des Abgrunds, es ist geradezu der Blick, den der Abgrund selbst auf uns wirft. Als stiege die einzige Hoffnung aus dem Chaos. Doch sie kommt 'von zu weit her, als dass unsere Wörter noch greifen könnten'. Für Saura zählt die bedingungslose Malerei, die Kraft der chromatischen Farbigkeit und die Intensität der Wahrnehmung.

Die Farbe wird mit der Handfläche aufgetragen, Schmerz wird identifizierbar, Erinnerungen an die Kindheit, an Bombardements, Enthauptungen und Lügen, die Zeit des Bürgerkrieges. Die Selbstbilder werden zum Monster, das aus dem brennenden Scheiterhaufen lächelt. Es ist, als hätte Saura seine Bildinhalte mit den Fingernägeln aus dem Dunkel herauskratzen wollen und sei erschrocken zurückgewichen, als das Licht hindurchsickerte und ein Gesicht freigab.

Es ist als habe Saura das durchlebte Entsetzen, Unterdrückung und Ohnmacht, nachvollzogen, als habe er alles unter Beweis stellen wollen. Die Gesichter permutieren Kopf an Kopf, das Gegenüber wird zur Menge. In seinen 'Konstellationen' fügen und trennen sich Farbbollen, deren Strahlkraft verloren ging und die sich dunkel ins Weiss einlassen, als wollten sie der Erinnerung eine Strahlkraft entlocken. Die Lineamente hingegen transportieren wie aus ohnmächtigem Traum die Vitalität in Schüben. ek

Letztes Update: 04.06.09;
© Texte von Evi Kliemand, 1998-2004. © by Grafos Verlag AG, 1998-2004

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